15 Jan 2022, Klaus Modick (OL, HH): Literaturpreis

15.1.2022, Klaus Modick (OL, HH): Literaturpreis

Szene Hamburg, Jan. 2022, p.60-61: Kaffeduft und Ed von Schleck. Mit einem Jahr Verspätung erhielt der Schriftsteller Klaus Modick … den Hannelore-Greve-Literaturpreis für das Jahr 2020. [Gekürzte Fassung der Dankrede, 15.11.2021]

„Wenn man aus der freundlichen Provinzialität einer ehemaligen Residenzstadt wie Oldenburg kommt, merkt man schnell, dass die Weltstadt Hamburg ein … ganz anderer Schnack ist … jobbte ich während des Studiums in einer Souterrain-Kneipe in der Hegestraße … ‚Schröder‘ …


K. Modick (1996): Behelf, Ersatz & Prickelpit. Oldenburger Kindheit in den 50er Jahren. Vorträge der Oldenburgischen Landschaft, Heft 27. Isensee Verlag, Oldenburg.

p.8 … Wiking-Autos aus Bakelit … p.15 Schlittschuhe … Rollschuhe der Marke Hudora … p.16 Zehn Gipsmurmeln entsprachen dem Gegenwert einer Glasmurmel … p.23 … die [britische] Militärregierung residierte im Landtag … p.25 … brannten … Lagerhallen der Speditionsfirma Deus … Explosionen … von hochgehenden Gasflaschen … p.29 … Ohne Fahrrad war … der Oldenburger … nur ein halber Mensch … Marke Rixe … p.32 Volksschule … tut tut ein Auto … p.34 Die Bücherei in der Gartenstraße hieß einfach Brücke … ein Kürzel für Brücke der Nationen … p.40 … das wichtigste Medium … war … das Radio … p.42 Kramermarkt … p.43 … Dauerlutscher … Prickelpit … p.50 … Fußgängerbrücke aus Holz, die … vom Theaterwall … aufs Portal des Alten Gymnasiums zuführte …


Einige Ergänzungsvorschläge:

  • Besucher:innen wunderten sich immer wieder einmal, warum das Wasser in der kleinen Haaren mal „nach rechts“ und mal „nach links“ floss …
  • Das Oldenburger Huntebad mit braunschwarzem (Moor-)Wasser, vor dem manche Besucher:innen erschrocken zurückwichen, weil man auch bei Sonnenschein kaum 10 cm in die Tiefe sehen konnte
  • Eine Attraktion auf dem alljährlichen Kramermarkt war eine Art von Roulette-Spiel: in einer von kleinen Häuschen umgebenen Sandarena konnte das mittig ausgesetzte Meerschweinchen selbst wählen, in welchem der nummerierten Häuschen es an einer Mohrrübe knabbern wollte. Wer auf das gewählte Haus gesetzt hatte, gewann. – Vgl. mittelalterliches Rattenroulette, www.wn.de/muensterland/kreis-steinfurt/steinfurt/kleine-nager-im-trainingslager-1243561
  • Jedes Jahr in der Adventszeit stellten zwei Optiker in der Innenstadt (Bruchhaus und Schulz) große Märklin-Modelleisenbahnanlagen mit aufwändiger Landschaftsgestaltung samt Berg und Tal, Tunnels und Viadukten in ihre Schaufenster und ließen dort so munter die Züge fahren, dass sich große Menschentrauben bildeten.

4 Dec 2021, Hamburg Domplatz mit Archäoskop

4.12.2021, Hamburg Domplatz mit Archäoskop

https://de.wikipedia.org/wiki/Domplatz_(Hamburg): … stand hier über Jahrhunderte der mittelalterliche Mariendom (abgerissen 1804–06) und später der im Zweiten Weltkrieg zerstörte Neubau des Johanneums und der Staatsbibliothek … unter dem Platz die Reste der frühmittelalterlichen Hammaburg vermutet … als Keimzelle der Stadt … Seit … 2008 … 39 … Sitzgelegenheiten aus Acryl, die die Standorte der Stützpfeiler der einstigen Domkirche markieren … Eine der Sitzbänke ermöglicht den Durchblick auf ein erhaltenes Pfeilerfundament … teilweise begehbare Stahlskulpturen …, die den Wallring der Hammaburg veranschaulichen sollen. Ein als „Archäoskop“ bezeichneter stationärer VR-Betrachter ermöglicht … eine Visualisierung der Umgebung zur Zeit der Hammaburg … heutige Gestaltung … als Zwischenlösung bis zu einer endgültigen städtebaulichen Entscheidung …

Archäologisches Museum Hamburg: „Verbundprojekt erweckt Domplatz wieder zum Leben“, https://amh.de/digitales-angebot/verbundprojekt-erweckt-domplatz-wieder-zum-leben/: Kann die Geschichte des Hamburger Domplatzes mittels neuer Technologien erlebbar gemacht werden? … kann die Attraktivität des Platzes durch kulturelles Storytelling und innovative Dienstleistungsangebote gesteigert werden? … untersucht das Archäologische Museum Hamburg (AMH) in Kooperation mit Forschenden der HafenCity Universität Hamburg (HCU), dem Digitalnetzwerk Hamburg@work und eCulture.info die Revitalisierungspotenziale … vom BMBF … finanziertes Projekt … datenorientierte Bestandsaufnahme und Analyse des Platzes … Modellierung verschiedener Nutzungsszenarien … Entwicklung und … Implementierung von Dienstleistungsangeboten … evaluiert und hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit … überprüft …

3.1.2022 (Nachtrag) Dominik Kloss (2021): Rezension “Jens Natter, Hammaburg …” Zschr. d. Vereins f. Hmb. Geschichte, Bd. 107, S.126-128. Auszug: “Archäologische Museum Hamburg … stets vorne mit dabei, wenn es um innovative Vermittlungsformate … geht. So haben Blogs, Apps, Podcasts und vor Ort eine ganze Reihe mehrere Sinne ansprechende Infotafeln und Medienstationen aus dem … Domplatz … einen … ‘Smart Square’ gemacht” … Comicbuch ‘Hammaburg’ … Siedlung auf dem Geestsporn zwischen Elbe und Alster …”

3 Dec 2021, Serie „Shtisel“

3.12.2021, Serie „Shtisel“

https://de.wikipedia.org/wiki/Shtisel: eine israelische Fernsehserie über das Leben einer ultraorthodoxen jüdischen Familie in Jerusalem … von Ori Elon und Yehonatan Indursky. Bisher … 33 Folgen in 3 Staffeln … Im deutschsprachigen Raum … über … Netflix … das Leben der Familie Shtisel in ihrem streng orthodoxen („charedischen“) Umfeld im Jerusalemer Stadtteil Geula. Hauptpersonen sind der Familien-Patriarch Shulem Shtisel, der als Rabbi eine … religiöse Grundschule (Cheder) leitet, sein jüngster … Sohn Akiva Shtisel und seine Tochter Giti Weiss mit ihrer … Familie …Herausforderungen der strengen … Regeln und deren Konfrontation mit der modernen, liberalen Welt …

www.juedische-allgemeine.de/kultur/das-phaenomen-shtisel/, Daniel Killy, 24.12.2020, 10:52 Uhr: Das Phänomen „Shtisel“ … Was ist das Geheimnis der Saga über die ultraorthodoxe Jerusalemer Familie? … weltweit erfolgreiche israelische Serie …, die … Juden und Nichtjuden in ihren Bann gezogen hat, wird mit ihrer dritten Staffel im kommenden Jahr in Deutschland bei Netflix zu sehen sein … Rückblende, New York, 11. Juni 2019: … Synagoge Emanu-El, seit 1845 das Flaggschiff des Reformjudentums in Manhattan … 2500 Menschen sitzen dicht an dicht, um einer Talkrunde der Shtisel-Protagonisten zu lauschen. Neta Riskin (Giti Weiss), Dov Glickman (Shulem Shtisel) und Michael Aloni (Akiva Shtisel) stellten sich den Fragen der Moderatorin.

https://taz.de/Dritte-Staffel-Shtisel/!5758535/: Judith Poppe, 25.3.2021, TEL AVIV taz |… zur Überraschung aller wurde die Geschichte … eine Sensation … Dabei passiert in der Serie eigentlich nicht viel … Das Erstaunlichste … die Zusammensetzung ihrer Fans. Die speisen sich … aus jenen zwei getrennten Welten, die sich nicht selten feindselig gegenüberstehen und auch in der Serie das Fundament der Geschichten bilden. Säkulare Tel Aviver Hipster lieben die Serie genauso wie Strengreligiöse … Es mag die Neugier sein, die viele Säkulare zunächst vor den Bildschirm lockt, aber dabeibleiben dürften sie aus anderen Gründen: wegen der Figuren mit Tiefe, des überzeugenden Skripts und der poetisch-melancholischen Erzählweise.

21 Oct 2021, Jean Paul (1793/1977): Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal – Eine Art Idylle

21.10.2021, Jean Paul (1793/1977): Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal – Eine Art Idylle

Reclam-Universalbibliothek Nr. 119. Mit Anmerkungen und einer biographischen Notiz. Philipp Reclam Jun., Stuttgart. (Der Text dieser Ausgabe folgt: Jean Pauls sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Erste Abteilung. Zweiter Band. Herausgegeben von Eduard Berend. Weimar: Bölau, 1927)

  • p.4-5 Im Dezember … ließ er allemal das Licht eine Stunde später bringen, weil er in dieser Stunde seine Kindheit – jeden Tag nahm er einen andern Tag vor – rekapitulierte …
  • p.7 … daß Wutz eine ganze Bibliothek – wie hätte der Mann sich eine kaufen können? – sich eigenhändig schrieb. Sein Schreibzeug war seine Taschendruckerei …
  • p.10 Woll‘ er mithin etwas Gescheites lesen, z.B. aus der praktischen Arzneikunde und aus der Kranken-Universalhistorie: so müss’ er sich … den Bettel ersinnen.
  • p.13 „Abends“, dacht’ er, „lieg ich auf alle Fälle, sie mögen mich den ganzen Tag zwicken und hetzen, … unter meiner warmen Zudeck …, acht Stunden lang.”
  • p.26 Ich erwarte von seinem künftigen Lebensbeschreiber ein paar pragmatische Fingerzeige, warum Wutz bloß ein Einnahme- und kein Ausgabe-Buch sich nähte …
  • p.42 … von seiner Kindheit an ein Reichsgrundgesetz bei ihm …, alle seine Spielwaren in geschichtlicher Ordnung aufzuheben, … so konnt’ er noch am Rüsttage vor seinem Todestage … sich zurückfreuen, da er sich nicht mehr vorauszufreuen vermochte.
  • p.49-50 Wohl dir, lieber Wutz, daß ich, wenn ich nach Auenthal gehe und dein verrasetes Grab aussuche … , daß ich dann sagen kann: „Als er noch das Leben hatte, genoß er’s fröhlicher wie wir alle.“

Werk, https://de.wikipedia.org/wiki/Leben_des_vergn%C3%BCgten_Schulmeisterlein_Maria_Wutz_in_Auenthal: … eine Erzählung von Jean Paul, die, 1790 geschrieben, im Januar 1793, in den Roman „Die unsichtbare Loge“ eingelegt, erschien …

Volltext: www.projekt-gutenberg.org/jeanpaul/loge/loge56.html


Jean Paul, https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Paul: [1763-1825] … eigentlich Johann Paul Friedrich Richter … Sein Werk … literaturgeschichtlich zwischen … Klassik und Romantik. Die von ihm gewählte Namensänderung geht auf … große Bewunderung für Jean-Jacques Rousseau zurück … verfügte im Alter von fünfzehn Jahren über ein umfangreiches Bücherwissen, das er in Exzerptheften zusammentrug … hat das Lesepublikum … gespalten. Bei den einen erntete er höchste Verehrung, bei anderen Kopfschütteln und Desinteresse … trieb die zerfließende Formlosigkeit des Romans der Romantiker auf die Spitze; August Wilhelm Schlegel nannte seine Romane „Selbstgespräche“, an denen er den Leser teilnehmen lasse … Vielzahl witziger und skurriler Einfälle … geprägt von wilder Metaphorik sowie … teilweise labyrinthischen Handlungen …sein Verhältnis zu … Goethe und Schiller immer zwiespältig … Herder und Wieland allerdings haben ihn geschätzt und unterstützt … nennt Jean Paul das literarische Motiv des „Doppelgängers“ … als erster beim Namen und prägt es somit …


Walter Kappacher (SZ, 21.3.2013, S.14): Der Geisterseher … eine Erinnerung an Jean Paul aus Anlass seines 250. Geburtstags.

Er komme ihm vor wie ein „Chinese in Rom“ hatte Goethe ihn bespöttelt und seinen Stil als “verzopft und verstopft” bezeichnet. Schiller … äußerte: Das sei ein Fremdling, einer ,,der aus dem Mond gefallen sei” … Die beiden … Klassiker mieden den ,,verrückten und ungebildeten“ Kerl; es war auch nicht zu übersehen, dass der ,,Hesperus” mehr gelesen wurde als der ,,Wilhelm Meister”. Aber Jean Paul gewann Herder zum Freund und Lehrer … Wieland und Lichtenberg schätzten den jungen Kollegen ebenfalls … Er ahnte die kommenden fundamentalen Erschütterungen seiner und unserer Welt … Ihm selbst war alles, was er schrieb, „innere Autobiographie“ … „Selberlebensbeschreibung“ … Arno Schmidt las gerne abends sich und seiner Frau aus Jean Pauls Werken vor. Sein unerschöpflicher Gedankenreichtum, sein sprachlicher Reichtum: ein Überfluss – manchmal auch eine Manier, welcher der Leser kaum folgen kann …

Tobias Schwartz (Taz, 21.3.2013, S.17): Wie aus dem Mond gefallen. Klassiker. Der Schriftsteller Jean Paul war ein Postmoderner der Goethezeit …

Jean Paul … gilt heute noch als schwieriger und intellektuell verstiegener Autor. Da ist auch was dran. Seine Bücher sind in der Regel handlungsarm, kryptisch oft und zu einem wesentlichen Teil nicht abgeschlossen … Wutz schreibt sich die Bücher selbst – und erfindet kurzerhand den Inhalt. So stehen am Ende neben einer ,,Kritik der reinen Vernunft” Marke Eigenbau auch ,,Werthers Freuden” im Bücherschrank: Der frühe Entwurf einer Demokratisierung des Wissens, wie sie sich in digitalen Zeiten des Internets sukzessive verwirklicht …


Vgl. 14.12.2013, Jean Paul: Dintenuniversum – Schreiben ist Wirklichkeit

Inkl. Scribomanie